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„Terrains DéCouverts“

Schüler entdecken ungewohntes Terrain beim Crossings Dance Festival

Perfektes Zusammenspiel auf der Bühne (Foto: Elise Fitte-Duval)

Perfektes Zusammenspiel auf der Bühne (Foto: Elise Fitte-Duval)

Am 11. Juni 2011 wurde beim Crossings Dance Festival im Tanzhaus NRW in Düsseldorf die aktuelle Produktion der DIN A13 tanzcompany „Terrains DéCouverts“ mit jungen, behinderten und nicht-behinderten Tänzern aus dem Senegal aufgeführt (Choreografie: Gerda König & Gitta Roser). Im Publikum saßen über hundert Düsseldorfer Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 17 Jahren. Einige von ihnen waren so begeistert, dass sie sich nach der Aufführung spontan an einem Schultanzprojekt mit DIN A13 beteiligten.
Elisa Siebold von der Peter Ustinov Stiftung sprach mit DIN A13 Produktionsleiter Gustavo Fijalkow, der zusammen mit der Choreografin Gerda König die künstlerische Leitung des Crossings Dance Festivals innehatte, über die Entstehung der aktuellen Produktion und die Zusammenarbeit mit den Schülern.

Produktionsleiter Gustavo Fijalkow (Foto: Gera Perl)

Produktionsleiter Gustavo Fijalkow (Foto: Gera Perl)

E. Siebold: Herr Fijalkow, nach der Vorstellung haben Sie die Schüler aufgefordert zu beschreiben, was sie gesehen haben. Warum?
G. Fijalkow: Das ist Teil des Konzeptes. Ich möchte mit den Schülern einen Dialog führen. Zuerst erzähle ich ihnen etwas über die Entstehung des Stücks und stelle die Künstler vor. Dann frage ich die Schüler: „Was habt Ihr gesehen?“ Oder: „Welche Gefühle habt ihr gehabt?“ Ich sage ihnen nicht, was sie sehen sollten, sondern sie erzählen mir, was sie gesehen haben. Denn ich möchte wissen, wo die Schüler sich befinden. Nur so entsteht ein Dialog. Die Fragen und Kommentare der Schüler übersetze ich dann für die Künstler auf französisch.
E. Siebold: Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Gesprächen mit Schülern?
G. Fijalkow: Die Schüler fanden es zum Beispiel toll, dass wir in zwei Sprachen arbeiten. Da sind Leute, die anders aussehen, die einen anderen Körper haben und die auch noch eine andere Sprache sprechen. Da kommen viele Ebenen zusammen, nicht nur „mixed-abled“, sondern auch „mixed-culture“ und „mixed-language“. Das Interessante daran ist, dass eine Differenz die andere aufhebt. Dadurch, dass es so viele Andersheiten gibt, kann man sich nicht auf eine konzentrieren. Man denkt nicht mehr „Oh, ein Behinderter!“ oder „Oh, ein Afrikaner!“.
E. Siebold: Gibt es ein Beispiel für eine typische Reaktion?
G. Fijalkow: Bei einer anderen Aufführung in Bielefeld gab es 150 Schüler, das war der Hammer. Nach der Veranstaltung gab es ein paar Mädchen, die wollten wissen, ob der eine Tänzer eine Freundin hatte. Dass der Tänzer eine Behinderung hatte, war plötzlich kein Kriterium mehr, das fand ich fantastisch! Wenn die Behinderung nicht mehr als Verhinderung wahrgenommen wird.
E. Siebold: Wie geht es nach der Veranstaltung weiter?
G. Fijalkow: Das Gespräch mit den Künstlern dauert ungefähr 30 bis 40 Minuten. Danach bleiben einige der Schüler noch im Saal, um auf der Bühne eine Stunde lang einen Workshop mit den Tänzern zu machen. Heute waren es so circa 30 Schüler, die blieben.

Tanzen ohne Einschränkungen

Tanzen ohne Einschränkungen

E. Siebold: War die Teilnahme der Schüler geplant?
G. Fijalkow: Ja, das stand fest. Wir sprechen immer vorab mit den Schülern, wer bleiben möchte. Aber es gibt natürlich immer Raum für Unentschlossene. Für heute abend hatten sich 20 gemeldet, aber schließlich sind 30 geblieben. Das war toll! Wenn die Leute begeistert sind, ist das fantastisch. Es ist ja auch für die Schüler total spannend, auf die Bühne zu kommen. Wir arbeiten dann inhaltlich mit ihnen und fragen sie wieder: Was habt ihr gesehen, was gefühlt? Wenn die Antwort dann zum Beispiel Wut ist, dann bitten wir die senegalesischen Tänzer, über „Wut“ zu improvisieren. Dann gehen die Schüler auf die Bühne und improvisieren über Wut und kommunizieren mit den Senegalesen darüber, wie man diese Wut körperlich umsetzen kann. Dann tanzen wir eine ganze Szene des Stückes zusammen mit den Schülern. Die Schüler mit ihren unterschiedlichen Körperlichkeiten müssen aufeinander aufpassen. Und obwohl einige langsamer sind, sind diese oft viel konzentrierter in der Szene. Insofern hat jeder für die Geschichte etwas zu bieten. Und damit kriegen wir sie.
E. Siebold: Wie geht das Schülerprojekt weiter?
G. Fijalkow: Zwei oder drei Monate später treffen wir einen Teil der Schüler wieder, diesmal für eine ganze Woche. Es werden so 15 bis 20 Schüler aus den beiden Schulen sein, wo wir über die gleiche Thematik wie im Stück mit den Schülern ein neues, aber sehr kurzes Fünfminuten-Stück erarbeiten. Und das wird dann aufgeführt, Ende Juni in Köln und im Oktober in Bielefeld.
E. Siebold: Wie bringt man ein Fünfminuten-Stück mit Schülern zur Aufführung?
G. Fijalkow: In Köln hatten wir Glück, dort konnten wir das Stück an ein Festival anbinden, auf dem unterschiedliche Schultanzprojekte aufgeführt werden. In Bielefeld sind wir noch nicht so weit. Man kann keine ganze Aufführung machen mit einem Stück, das nur 5 Minuten dauert. Und es ist illusorisch zu denken, dass man mit einer Woche Arbeit mehr produzieren kann. Es ist wichtig, das nicht aus den Augen zu verlieren. Den Rahmen zu hoch zu stecken, führt letztendlich zu Frustration! So oder so, das Wichtige ist eigentlich nicht die Show, sondern dass sie mit anderen Schülern eine ganze Woche lang zusammen gewesen sind, dass sie sich mit anderen Kulturen und einer anderen Körperlichkeit auseinandergesetzt haben.
E. Siebold: Wenn man sich nicht mit Sprache verständigen kann, rückt die Körperlichkeit dann in den Vordergrund?
G. Fijalkow: Ja, man muss sich darauf einlassen und sprichwörtlich mit Händen und Füßen sprechen. In unterschiedlichen Kulturen sind Körper natürlich unterschiedlich „kodiert“, und trotzdem ist der Zugang leichter, weil man mit dem Körper die Signale stärker und auch anders wahrnimmt. Der Körper ist wahrhaftiger!
E. Siebold: Welche Unterschiede oder Überschneidungen gab es beim Publikum in der Wahrnehmung des Stücks?
G. Fijalkow: Das Gefühl der Liebe ist in diesem Stück ein wichtiges Element. Es ist ja eine Liebesgeschichte, und eine der schönsten Szenen im Stück ist eine Szene, die eine starke homosexuelle Komponente hat. Nur, da im Senegal Homosexualität offiziell nicht existiert, hat das dort niemand gesehen. Und hier hat es jeder Schüler gesehen. Man sieht zwei Männer, die eine sehr sanfte, romantische Szene miteinander tanzen. Und im Publikumsgespräch sprachen die Leute dann auch über diese Liebesszene. Im Senegal hat keiner ein Wort darüber verloren. In ihren Augen war es einfach gut getanzt. Was es nicht geben darf, gibt es nicht! Es gibt eine andere Szene, in der eine Frau mit vier Männern tanzt. Im Senegal ist es so, dass ein Mann vier Frauen haben kann, aber eine Frau kann offiziell keine vier Männer haben. Diese Anspielung hat wiederum von den deutschen Schülern niemand wahrgenommen.
E. Siebold: Gerda König macht die Choreographie, und das Stück wird vor Ort kreiert, also in diesem Fall im Senegal. Wie geschieht das im Einzelnen?
G. Fijalkow: Der ganze Prozess dauert ungefähr ein Jahr und beginnt in der Regel mit der Einladung durch das Goetheinstitut oder eine anderen kulturellen Einrichtung. Mit Gerda entscheiden wir also zunächst, in welches Land wir gehen. Dann fangen wir an, von hier aus Kontakte zur Kulturszene des Landes zu knüpfen und zu schauen, wo wir die Tänzer mit und ohne Behinderungen finden. Letzteres ist manchmal total schwierig, und wir müssen dabei auch unsere Kriterien ändern. In Deutschland gilt als professioneller Tänzer, wer eine Ausbildung gemacht hat. Aber nicht in jedem Land gibt es eine Tanzausbildung. Und einen professionellen Tänzer erkennt man auch nicht unbedingt daran, dass er vom Tanzen lebt. Hier wie dort leben Tänzer auch von anderen Tätigkeiten wie Kellnern. Man muss flexibel bleiben mit der Definition: Was ist ein professioneller Tänzer? Und bei Tänzern mit Behinderung wird es noch schwieriger. Im Senegal gibt es erstaunlicherweise eine große Infrastruktur für Leute mit Behinderung. Und es gibt viele Leute, die traditionellen Tanz tanzen, auch mit Behinderung. Das ist unglaublich!
E. Siebold: Was gehört alles dazu, ein solches Projekt vor Ort  zu organisieren?
G. Fijalkow: Als ich in den Senegal fuhr, hatte ich genau einen Monat, um für die Probenarbeit die notwendige Infrastruktur aufzubauen. Dazu gehörte zum Beispiel, Wohnungen zu finden, die Tänzer mit Behinderung zugänglich, aber gleichzeitig nicht zu luxuriös sind. Wir möchten die Leute, mit denen wir arbeiten,  einladen, aber wir möchten nicht das Klischee bedienen, dass wir alle in Europa total reich sind, wir müssen also einen Mittelweg finden. Das ist manchmal schwierig. Dann musste ich Tanzstudios finden. Die traditionellen Tänzer können draußen auf der Erde tanzen. Das können wir nicht. Wir brauchen einen geschlossenen Raum, weil unsere Art des Tanzes sehr intim ist, da kann nicht jeder Nachbar zugucken. In Afrika ist das schwierig, denn ein großer Teil des Lebens spielt sich „open air“ ab. Dann musste ich auch noch einen Komponisten finden, der zwischen den Kulturen steht, und einen Kostümbildner, einen Bühnenbildner usw. Und schließlich brauchten wir einen Ort, an dem wir aufführen können. Für uns ist es wichtig, dass die Aufführung an einem zentralen, kulturellen Ort der Stadt stattfindet, damit diese Art des Tanzes, mixed-ability, als eine Kunstform wahrgenommen wird, auch weil Tänzer mit Behinderungen dort oft ausgeschlossen sind, genau wie in Europa.
E. Siebold: Nach vier Wochen beginnt bereits die Probenarbeit?
G. Fijalkow: Ja. Dann kommt Gerda König, in diesem Fall mit Gitta Roser, denn die beiden haben das Stück zusammen entwickelt, und studieren es im nächsten Schritt mit den Tänzern ein. Das geschieht im Dialog. Eine ganze Woche wird geprobt, acht Stunden am Tag. Sie „geben Bilder rein“, damit die Tänzer improvisieren, sie „sieben“ die Bilder, sie lassen die Tänzer arbeiten, so entsteht das Stück - Stück für Stück. Dann kommt es zur Uraufführung vor Ort, danach gibt es noch zwei, drei Vorstellungen, und dann kommt das Stück nach Deutschland.
E. Siebold: Wie kamen die deutschen Schulklassen ins Spiel?
G. Fijalkow: Das hat sich in den letzten Jahren so entwickelt, und seit diesem Jahr ist das Schulprojekt ein formaler Bestandteil des Tanzprojektes. Bereits in der südafrikanischen und in der ghanaischen Produktion haben wir gesehen, wie interessant und wichtig es ist, dass wir die Schüler einbeziehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir beim Tanzen total viele Barrieren gleichzeitig aufbrechen, weil hier so viele Ebenen zusammenlaufen, eben die kulturelle, die körperliche und die sprachliche Ebene.
E. Siebold: Wie bekommen Sie die Schüler dazu, selbst zu tanzen?
G. Fijalkow: Viele Schüler, auch oder vor allem die „schwierigen“, machen Hiphop und haben ihre Vorbilder, sie tanzen also schon. Man muss es nur hinbekommen, dass sie den Weg von MTV zur Kunst machen. Und die meisten verstehen sehr schnell, dass man durch Kunst viel mehr Möglichkeiten hat, um sich auszudrücken. Die Wege sind reicher und vielfältiger! Und dass wir das hinkriegen, dass die Schüler das erkennen, das ist das Spannende.  Und am Ende des Prozesses sagen sie oft: „Bei MTV wiederholen wir immer die gleichen Bewegungen, aber hier gab es ganz andere“. Und das ist es. Ich denke der Körper ist das Wahrhaftigste, was man hat.
E. Siebold: Herr Fijalkow, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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