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Sein Leben

82 bewegte Jahre

Sir Peter Ustinov vor seinem Haus in Bursins am Genfer See, aufgenommen am 18. April 2002 (Foto: picture-alliance)

Sir Peter Ustinov vor seinem Haus in Bursins am Genfer See, aufgenommen am 18. April 2002 (Foto: picture-alliance)

Geboren wird Peter Ustinov nach eigenem Bekunden „auf die übliche Weise” in London, und zwar am 16. April 1921. In seinen Memoiren nimmt der Versuch der Klärung seiner Abstammung mehr als 40 Seiten ein: Der Vater, Jona von Ustinov, „Klop” genannt, ist ein deutscher Repräsentant des Wolffschen Telegraphenbüros in London, die Mutter, Nadia Benois, ist eine französische Malerin und Bühnenbildnerin mit russischen und äthiopischen Vorfahren. Des Weiteren finden sich spanische, polnische, italienische und jüdische Wurzeln in der Ustinovschen Familienhistorie.

So wird Peter der Sprachgenius also direkt in die Wiege gelegt: Er wächst viersprachig auf und eignet sich mit der Zeit auch noch diverse andere Sprachen an, die es ihm ermöglichen, fast immer mit seinem Gegenüber in dessen Landessprache parlieren zu können.

Peter wächst als Einzelkind auf – und umso mehr vergrößern sich im Lauf der Zeit seine Familienbande. Insgesamt ist er dreimal verheiratet – zuletzt für viele Jahre mit Lady Hélène – und hat vier Kinder. Tamara und Pavla treten in die Fußstapfen ihres Vaters und werden Schauspielerinnen, Andrea ist Goldschmiedin, und Sohn Igor macht sich als Bildhauer einen Namen und führt das Vermächtnis seines Vaters im Kampf gegen Vorurteile fort. Zur Erinnerung an ihn widmet Igor ihm 2005 die Skulptur „Open Mind”, die in Luzern/Schweiz öffentlich zu sehen ist.

Erste Schritte

Ein Eintrag in Peters Schulzeugnis lautet: „Peter beweist Originalität. Sie muss unter allen Umständen gezügelt werden” – sein Wesen scheint nicht dauerhaft für den Schulbetrieb geeignet zu sein. Er verlässt die Westminster School dann auch im Alter von 16 Jahren zugunsten einer Schauspielausbildung am London Theatre Studio. Das Theater zieht ihn unwiderstehlich an, als ein Weg zur Flucht aus dem „tristen schulischen Konkurrenzkampf”, wie er uns in seiner Autobiographie „Ich und Ich” (1990) verrät. Schon zu Schulzeiten hatte er angefangen, Theaterstücke zu schreiben – das erste ist fünfzehn Seiten lang und als abendfüllendes Stück gedacht. Es bedarf also noch ein wenig des Feinschliffs in Sachen Dramaturgie, aber schon fünf Jahre später ist es dann soweit: 1942 wird mit House of Regrets zum ersten Mal ein Stück von Peter Ustinov uraufgeführt.

Der Zweite Weltkrieg bremst den Aufstieg des Theatermenschen Ustinov fürs Erste: 1942-1946 steht auch bei ihm der Armeedienst auf dem Spielplan. Um diese Zeit dennoch einigermaßen erträglich zu gestalten, wechselt Peter zu einer Einheit, die Lehrfilme für die britische Armee produziert. Carol Reed (der später mit Orson Welles den Klassiker Der dritte Mann dreht) ist sein neuer Kamerad, und David Niven ist sein Vorgesetzter – eine durchaus angenehme Gesellschaft und für Peter eine glänzende Gelegenheit, erste Gehversuche beim Film zu unternehmen und nützliche Kontakte zu knüpfen.

Sein erstes eigenes Drehbuch zum Film School for Secrets beendet er 1946. Die Dreharbeiten sind ein willkommener Anlass, aus der Uniform und zurück in die Zivilkleidung zu schlüpfen. Die Besetzung für dieses frühe Werk kann sich bereits sehen lassen: Richard Attenborough und Ralph Richardson geben sich die Ehre.

Die folgenden fünf Jahre betrachtet Peter später als seine Lehrjahre. Zahlreiche Theaterproduktionen mit eigenen und fremden Stücken entstehen, werden aufgeführt und vom Publikum mal mehr, manchmal auch eher weniger begeistert aufgenommen, zwei weitere Filme werden produziert – kurz: Für Peter Ustinov ist die zweite Hälfte der Vierziger Jahre eine Zeit voll des Schaffens und des Sammelns von Erfahrungen.

Quo Vadis (1951) war die logische Weiterentwicklung dieser „Lehrjahre“. Schon einige Zeit hatte sich John Huston mit der Besetzung des Nero schwer getan, um schließlich doch Peter Ustinov zu Probeaufnahmen zu bitten. Es war übrigens das erste und einzige Mal, dass er für eine Rolle zu einem Casting antreten musste. Obwohl ihm sein Gekreische und Gebrüll schon selbst auf die Nerven ging, ermunterte ihn Huston, noch verrückter und übergeschnappter zu werden, was ihm wohl so gut gelang, dass die Filmproduktionsfirma MGM ihn für die Rolle wollte. Und nun war es John Huston, der nicht mehr wollte. Es wurde ein neues Team zusammengestellt mit Sam Zimbalist als Produzent und Mervyn LeRoy als Regisseur – beide kannte Peter nicht. Sie schickten ihm ein Telegramm: „Ihre Probeaufnahmen gefallen uns, aber wir befürchten, Sie könnten für die Rolle noch etwas zu jung sein.“ Worauf Peter zurücktelegraphierte: „Wenn Sie`s noch ein Jahr hinauszögern, bin ich für die Rolle zu alt.“ Die Antwort: „HISTORISCHE NACHFORSCHUNGEN BESTÄTIGEN IHRE ANGABEN STOP ROLLE GEHÖRT IHNEN“. Der Rest ist Geschichte, und Peter Ustinov hatte von nun an alle Mühe, nicht mit dem Fiesling Nero gleichgesetzt zu werden. Erst 45 Filme später war ihm das einigermaßen gelungen.

Zunächst einmal wandte er sich wieder dem Theater zu und schrieb mit Die Liebe der vier Obersten ein Stück, das über Jahre mit großem Erfolg überall auf der Welt gespielt wurde. Nach zwei Jahren und vollem Haus in London meinte Peter: „Na ja, ich denke, langsam müssen wir das Stück absetzen, mittlerweile sind die Stehplätze nur noch dünn besetzt.“

Da das Stück so erfolgreich lief, hatte er Zeit, sich mit neuen Projekten zu beschäftigen. Zwei weitere Stücke von ihm kamen im Londoner Westend auf die Bühne, waren allerdings alles andere als ein Erfolg. Vielleicht hatte er sich doch zu verächtlich über die Kritiker geäußert, die es ihm nun kräftig heimzahlten. Wenigstens in seinem Privatleben fügten sich die Dinge, wenn auch mit Hindernissen, zum Guten. Auch wenn zunächst seine spätere dritte Frau Hélène kurz in sein Leben trat, um jedoch gleich wieder nach Paris und Barcelona zu entschwinden. Dafür lachte ihn eine sehr hübsche Frau vom Titel einer Zeitschrift an. Eben diese junge Frau, die Schauspielerin Suzanne Cloutier, tauchte einige Tage später leibhaftig in seiner Garderobe auf, um sich vorzustellen. Sie sah ihr Titelfoto auf seiner Kommode, und er meinte später mal: „Solche Akte der Vorsehung können einen vorschnell vermuten lassen, das Schicksal habe gesprochen.“ Suzanne wurde seine zweite Frau und Peter ein paar Monate später stolzer Vater einer Tochter. Jahre später, nachdem er endlich Hélène d’Allemans geheiratet hatte, sagte er: „Ich habe dreimal geheiratet, aber ich habe das Gefühl, wenn dies meine erste Ehe gewesen wäre, hätte ich nur einmal geheiratet.“

Der nächste Sandalenfilm – Spartacus – folgte auf dem Fuße, und Peter wurde nicht mehr nur für den Oscar nominiert, er bekam ihn auch. Von nun an gab es kein Halten mehr. Er spielte in insgesamt 46 Filmen mit, verkörperte Agatha Christies Hercule Poirot wie kein anderer, trat immer wieder auf der Bühne auf, schrieb Stücke für das Theater, schrieb Bücher, inszenierte Opern, nahm Schallplatten auf, las der königlichen Familie vor, bekam einen zweiten Oscar für seine Rolle in Topkapi, produzierte Dokumentationen fürs Fernsehen, war Kanzler der Universität Durham, trat in seiner eigenen One-Man-Show auf, wurde von der englischen Königin zum Ritter geschlagen und UNICEF-Botschafter, setzte sich gegen Vorurteile ein, las der Politik die Leviten und gründete 1999 seine eigene Stiftung. 2003 drehte er ein letztes Mal einen Film: Er spielte Friedrich den Weisen in Luther.

Am 28. März 2004 trat das Universalgenie Sir Peter Ustinov endgültig von der Bühne ab, sein Werk und sein Geist werden unsterblich bleiben.

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